April 2024

Erstaunlich viel Regen, in den letzten Monaten. Trotzdem vermutlich geradeso genug, damit nicht alles noch viel schneller viel trockener wird.

Und dann ist plötzlich Sommer. Oder sehr warmer Frühling. Der Kirschbaum blüht. Früher als sonst.

Anbaden #1 im Havelland

Abendstimmung

Was so passiert. Ein Eimer mit Farb-Rolle, Pinsel. Fällt beim Tragen durch die Wohnung einfach auseinander. Materialermüdung vermutlich. So unerwartet, dass es diese kurzen Sekunden kompletter Fassungslosigkeit auslöst. Und dann … äh … was mache ich jetzt eigentlich? Naja. Der Teppich war sowieso nicht mehr der schönste.

Und kurz nachdem der Kirschbaum in voller Blüte steht, schneit es. (Das Baumblütenfest in Werder ist übrigens immer Ende April/Anfang Mai. Dieses Jahr ist die Party Mitte April vorbei)

Die Tage, wo das frische Grün deutlich wahrnehmbar das alles dominierende Graubraun der letzten Monate verdrängt (Kombiniert mit dem länger hell sein, verstärkt durch die Zeitumstellung auf Sommerzeit) Sehr besonders, sehr schön.

Einmal nach München und zurück. Zugfahren ist schon eine gute Erfindung.

Es wird nochmal kalt. Manchmal sonnig, manchmal regnerisch. Immerhin eine April-Konstante.

Musik.

Balkon. Bunt. (Seit einigen Tagen möchten es sich zwei Tauben penetrant und unbelehrbar unter der Balkonbank gemütlich machen. Schleppen kleine Äste an. Erschrecken mich zu Tode, wenn sie plötzlich hervorgetrappelt kommen. Ich probiere jetzt also freundlich und mit buntem Klimbim und Blumen und Barrikaden, ob ich ihnen beibringen kann, dass … das … kein … guter Ort für ein Nest ist.)

Anbaden #2 und Tag am Meer. Eigentlich ist die Ostsee gar nicht so weit weg. Kann man auch mal an einem Sonntag hin und abends wieder zurückfahren. Fast windstill. Relativ leer. Schön warm. Eine richtig gute Idee.

Heiligendamm 2011 (oben) und 2024. Ganz langsam werden aus den grauen Häuser weiße Quatsch-Villen. Ich erinnere mich noch gut an den irgendwie morbiden Charme damals, als in dem Ort eigentlich nur das Hotel, in dem auch der G8 Gipfel stattfand irgendwie nicht so aussah, als ob es gleich zusammenfällt. Und alles andere stumm Geschichten erzählte, vom Verfall, von bestimmt ganz vielen obskuren Nachwendegeschichten inklusive großen Träumen, Fördermittelbetrug und gescheiterten Plänen. Was geblieben ist, 2011 wie heute: Man sieht nie Menschen in den Häusern in der ersten Reihe am Meer. Weder damals in den grauen noch heute in den weißen Villen. Als ob das alles Kulisse ist. Da steht niemand auf dem Balkon, man hört keine Musik. Nichts.

Aber das Eiscafé ist die ganze Zeit da.

Tanz in den Mai Frisbee. Nach dem ganzen Wetter-Hin-und-Her-April plötzlich Hochsommer und tropische Bedingungen im Volkspark.


Oktober 2023

Herbstbalkon. Mit Lichterkette geht’s. Auch wenn es mittlerweile wieder verdammt früh dunkel wird.

Blumen.

Kulturwochenende. Alter Schlachthof und Semperoper. Beides mit Orchester, beides mit Gesang. Und doch ganz unterschiedlich. Bei der Beleuchtung der historischen Fassaden merkt man die Energiesparmaßnahmen. Rummel blinken allerdings wie eh und je. Dresden ist schon schön. Ein wirklich schönes Wochenende.

Herbsthimmel über Potsdam gibt sich Mühe.

München. Die meinen das wirklich ganz unironisch ernst, mit dieser Brauhaus und Blasmusik-Kultur. Laut wie eine Kita, man versteht sein eigenes Wort nicht. Weil alle 5 Minuten die Blaskapelle mit Krawumm einen neuen Song spielt. Nun. Man ist ja mit dem ICE schnell da und auch schnell wieder weg.

Bansin. Herbstostsee. Kurz nach dem Sturm, der hier wohl nicht so dolle war. Auch eine schöne Zeitreise. Irgendwie lande ich seit Mitte der 1990er immer mal wieder hier. Und auch wenn das Städtchen – und die Kaiserbäder allgemein – sich mittlerweile ein bisschen wie Sylt verkleiden, ich erkenne fast alles wieder und die Erinnerungen kommen zurück.

Die Seebrücke (2023, 1996) hat noch dieselben Lampen wie damals. Das untere Foto, noch von analogem Film abfotografiert war jahrelang ein Motiv für Konzert-Flyer, Bandinfos, Cover für selbstgebrannte CDs. Irgendjemand auf meiner Schule – also irgendein Elternteil – hatte damals eine Wohnung in einer der Strandvillen und noch jemand einen Bungalow etwas weiter hinten. Alles unsaniert und mit einem gewissen morbiden Charme. (Damals wie heute sollte man vermutlich nicht unvorsichtig mit Menschen, die hier wohnen, anfangen über Politik zu reden) Und ich erinnere mich noch gut wie wir dort mit Blick aufs Meer in einem Wintergarten saßen, stundenlang Schach spielten (und alle gegen M., die im Verein spielte, verloren. Selbst mit Turm-Vorgabe) und dann nachts auf die Seebrücke liefen und den Mond anschauten. Und Violent Femmes oder NOFX hörten oder am Strand mit dem Fahrrad bis zur damals noch relativ streng bewachten polnischen Grenze fuhren. Das Ende der Schul- und Teenagerzeit, irgendwie. Ein paar Orte weiter waren wir auch auf Abifahrt und ließen uns die Ergebnisse der schriftlichen Prüfungen an die Rezeption des Zeltplatzes faxen. Nun. Schöne Erinnerungen und vermutlich ein Grund, weswegen ich immer wieder in ganz unterschiedlichen Reisegruppenkonstellationen hier vorbeischauen werde.

Noch geht Eis. In Winterjacke.

Der Oktober als Monat geht ja immer noch als Spätsommer oder Frühherbst durch. Ab der Zeitumstellung wird es dann erst einmal grau und dunkel für eine Zeit. Immerhin spielen wir im November noch einmal ein Konzert. Mal sehen, ob das den Monat etwas freundlicher macht.


November 2022

Ostsee im November. Also. Ostsee ist ja immer schön. Anfang November und mit Winterzeit aber so eine Spätsommer-Athmosphäre. Klimawandel? Glück? Nun.

Groß und Klein.

Gerade noch Sommer. Schon kommt das Riesenrad zurück. Diesmal an einer anderen Stelle auf dem Bassinplatz.

Hochkultur und Obertitel.

Ja. Dämmerung ist schon schön. So gegen 16:30 Uhr. Ich weiß nicht, ob ich mich daran gewöhnen kann und mag. Ich nehme es als Entschädigung für das frühe Tagesende.

Rechenzentrum. Tee. Wollsocken.

Sieht alt aus. Ist aber mehrheitlich neu.

Wirkt aus mehreren Gründen ein bisschen wie aus der Zeit gefallen. Ein Zirkus am Wegesrand. Lichterketten, die gar nicht nach Energiesparlampen aussehen. Wagenburg und der ganze Zirkus ist eine Familie. Perfektes Setting für Krimis oder Psychodramen. (Zur Show kann ich nichts sagen, ich war nicht drin)

Und plötzlich so eine Art Wintereinbruch. Käsewürfel hin oder her.

Frisbeegolf bei -1 Grad und Schneefall. Fast wie früher.

Das schönste Abenddämmerungsbild diesen Monat.

Der Advent beginnt sehr früh, dieses Jahr. Riesenrad also auch aufgebaut und fahrbereit.

Schokopudding hilft. Für und gegen alles mögliche.

Schwan mag scheinbar auch Kaffee.

Ab jetzt immer häufiger Nebel.

Und Schwupp ist schon Vorweihnachtszeit. Zeit vergeht. Oder auch nicht.


Oktober 2022

Es wird Herbst. Ruckartig und schnell.

Kirchen sind schon wunderliche Bauwerke. Massiv, protzig, Raum greifend. Und ziemlich unpraktisch. Also. Zumindest unter funktionalen Gesichtspunkten (Dinge wie beispielsweise eine Ausstellung oder Christenlehre oder Gemeindearbeit haben nämlich nur im Keller Platz.)

Eine Reise in die Vergangenheit. Dorfstraße Hohenzieritz.

Gibt erstaunlicherweise nicht nur in Potsdam schönes Wasser.

In Potsdam aber auch. Und immer noch die merkwürdigen Algen auf der Havel.

Der Morgennebel wird häufiger. Bleibt trotzdem ein idyllischer Schulweg.

Herbstsofteis.

Ja, man kann alles vorhandene Equipment so bunt verkabeln, dass man im Proberaum doch ziemlich gut aufnehmen kann. Es ist also theoretisch alles für einen Winter ohne Konzerte und dafür mit vielen neuen Ideen und Songs vorbereitet. Mal sehen, was die Realität dann dazu sagt.

Blumen. Wasser. Sonne. Entschleunigung.

Stimmt. Es gab ja mal sowas wie Präsenzarbeit. Mit echten Büros. Merkwürdig. Wie in einem komplett anderen Leben.

Der Auftrag vom großen Kind war: Höre das neue BlackPink Album komplett und bewerte die einzelnen Songs. (Was deutlich leichter war, als die neue Taylor Swift Platte durchzuhalten)

Tilda Apfelkern.

Und dann. Ostsee. Bei surrealen 20 Grad und Sonne und Baden am letzten Oktoberwochenende. Im Grau. Im Dunkeln mit Nebel und Sternenhimmel. In Börgerende. In Heiligendamm, wo mittlerweile die morbiden Strandvillen schrittweise weiß angestrichen und zu Luxusdomizilen (nur echt mit AfA Abschreibung) umgewandelt werden und so jeglichen Charme verlieren. Mit Steinen und Sand in den Schuhen und überall. Immer wieder Ostsee. Schön.

Nur Halloween ist schwierig in klassischen Ferienorten. Dafür sind Fernseher in Ferienwohnungen mittlerweile so groß, dass (Kinder-)Gruselfilme richtig gut zur Geltung kommen.


Glowe, DDR

In den letzten Jahren war ich wieder häufiger auf der Insel Rügen. Und immer wenn ich Richtung Kap Arkona fahre, suche ich auf der Schaabe, genau 3 Kilometer hinter dem Ortsausgangsschild Glowe, eine kleine Einfahrt. Es muss sowohl nach links gehen, Richtung Bodden, als auch nach rechts zur Ostsee.

Dort rechts, nach einem Kilometer Rumpelweg durch den Küstenwald, habe ich einen Großteil der Urlaube meiner Kindheit verbracht. Von 1982 bis Anfang der 1990er waren wir eigentlich jedes Jahr mindestens einmal dort.

Nicht auf dem etwas bekannteren Zeltplatz, über den Antje Ravic-Strubel einen schönen Text in der Welt geschrieben hat: Wir verbrachten die Ferien in einem „Quartier” des Zentralinstituts der Physik der Erde (ZIPE). Der Kern der Anlage war ein ausrangierter Messturm. Direkt daneben hatte man ein paar Bungalows gebaut, einen Campingwagen hingestellt und einige Bauwagen irgendwie in „Ferienwohnungen” verwandelt. Den systemüblichen Stacheldraht drumherum und fertig.

Blick vom Messturm Richtung Küstenwald. Rechts der Sanitärbungalow. 

Wie in der DDR üblich konnte man über die Arbeitsstelle dann dort streng nach Zuteilung seinen Urlaub verbringen. Wir reisten in der Regel im Mai oder im Oktober nach Rügen: in den Anfangsjahren mit Zug und Fahrrad, später dann mit zwei Erwachsenen und drei Kindern klassisch mit einem Trabant (Stufenheck). Es kursieren über diese Autoreisen diverse Legenden: Demnach lag bspw. ein Kind für die komplette Fahrt auf der Hutablage. Selbst mit dieser Sitzverteilung kann ich mir heute, wenn ich manchmal einen Trabant auf der Straße sehe, beim besten Willen nicht vorstellen, wie wir die doch bestimmt mindestens fünfstündige Fahrt aus Potsdam überlebt haben.

Der Messturm. Direkt hinter dem kleinen Tor begann der Strand. 

Die Ausstattung war “funktional”. Trinkwasser musste vom Zeltplatz in Glowe geholt werden, es gab in den meisten Unterkünften keine Toiletten, nur einen fragwürdigen Sanitärbungalow. An Duschen konnte sich in meiner Familie niemand erinnern. Geheizt wurde mit russischen Ölradiatoren. Gekocht wurde auf Elektro-Kochplatten. (Wobei ich mich nicht an irgendetwas, was wir dort gegessen haben, erinnern kann. Oder wie das mit dem Waschen und Zähneputzen funktionierte. Das ist wahrscheinlich wie in Filmen. Diese banalen Dinge werden ausgelassen, weil sie die Illusion und die schöne Geschichte zerstören würden.)

In den 1980er war Pfeife Rauchen angesagt. Im Hintergrund die “Zeuthener Bungalows” und ein fremder Trabant. Keine Ahnung, warum die Räder des Pappautos noch zusätzlich mit Pappe geschützt waren.

Direkt nebenan stand ein Grenzturm, von dem gelangweilte Bewacher des antifaschistischen Schutzwalls nachts gerne mal mit dem Suchscheinwerfer den Strand ableuchteten und auch sonst wahrscheinlich eher interessiert den FKK-Strand beobachteten. Was willst Du an dieser Stelle auch bewachen? Selbst die Fähre braucht von Sassnitz vier Stunden nach Schweden. Regelmäßig ballerten MiGs im Tiefflug über das Meer und sorgten dafür, dass ich schon in frühester Kindheit echte Überschallknalle hören konnte. Ab und an machte ein Tanker vor der Schaabe gemütlich sich selbst sauber und wir hatten viele kleine Öl-Kügelchen am Strand. Ölpest für Ossis quasi.

In meiner Erinnerung gab es ein Foto, wo auch noch meine Schwester oben auf uns drauf saß. Aber wahrscheinlich ist das reine Illusion. Ich kann mir nicht einmal vorstellen, das Bild mit meinen beiden Kindern nachzustellen. Aber da wir nichts hatten im Osten, waren wir wahrscheinlich totale Fliegengewichte und meine Mama sozialistisch vorbildlich durchtrainiert.

Für uns Kinder, und wahrscheinlich auch für die Erwachsenen, war das aber alles egal. Und das ist keine “Früher/in der DDR war alles besser”-Träumerei. (Ich bin schon ganz froh, dass das heute alles etwas komfortabler ist. Und freue mich auch, wenn es in Ferienwohnungen W-Lan,  Fußbodenheizung und vielleicht eine Sauna gibt.)

Die hinimprovisierten Unterkünfte hatten klangvolle Namen: Kogge, großer Wohnwagen (sehr begehrt, da gab es echte “Schlafzimmer”), Bungalow (es gab nur einen für uns, die anderen hießen “die Zeuthener” und die gehörten zu einem anderen Betrieb), Bastei, Doppelwohnwagen, oberes und unteres Turmzimmer. Und in allen waren wir mal. Auf Nachfrage konnten sich meine Eltern nicht erinnern uns irgendwie großartig beaufsichtigt zu haben. Wir streunten den ganzen Tag durch die Kiefernwälder, sammelten Dinge und bauten daraus andere Dinge, spielten am Strand oder buddelten unter den Wohnwagen und Bungalows. Wahrscheinlich ist der Dreck unter meinen Fingernägeln immer noch zu einem gewissen Prozentsatz Ostseesand von damals.

Doppelwohnwagen, hier machten zwei Familien zeitgleich Urlaub. Im Hintergrund die “Kogge”. Mein Bruder trägt einen Old-School-Alu-Hut, ich einen Anorak, mit dem man heute mit 100% Wahrscheinlichkeit ins Berghain kommen würde. Und wir sehen so aus, als ob wir sehr wichtige Dinge tun.

K1 ist mit knapp 10 ja in der Phase, wo alle Urlaube latent “laaangweilig” sind. Wir haben uns, den Berichten unserer Eltern zufolge, angeblich dort nie gelangweilt. Es waren allerdings auch immer andere Kinder anwesend. Und Sachen wie auf Papas Schoß den einen Kilometer Waldweg selbst Autofahren, ein Fischernetz finden und in einer ebenfalls angeschwemmten blauen Plastetonne per Post nach Hause schicken und es dort als Hängematte zu verwenden, sind selbst aus heutiger Sicht vom Coolnessfaktor relativ weit oben, würde ich sagen.

Plattencovermotiv #1

Damals gab es auch noch für Touristen wie uns am Strand auffindbare Bernsteine, sodass wir sogar freiwillig längere Strandspaziergänge unternahmen, um unsere Schätze in den Streichholzschachteln aufzufüllen. So etwas kompensiert die Abwesenheit jeglicher Unterhaltungselektronik natürlich. (Ausnahme im Mai: die Radioübertragungen der Friedensfahrt, nur echt mit Fanfare. Seitdem bin ich auch Fan von Dschamolidin Abduschaparow. Ja, er hat den DDR-Recken wie Olaf Ludwig den ein oder anderen Sieg geklaut, hatte eine rüpelhafte Fahrweise und war – wie wahrscheinlich alle Radsportler – bis oben zu mit Medikamenten. Aber dieser Name …)

Plattencovermotiv #2

Mit Fahrrädern sind wir bis Kap Arkona gefahren oder haben spukige Ruinen von Herrenhäuser hinter Juliusruh erkundet und in den Maisfeldern gespielt. Ich hatte irgendwann einen mechanischen Kilometerzähler (nicht zu verwechseln mit einem Tachometer, unerreichbar damals) und habe die Wege statistisch erkundet und Kilometer gesammelt. Und manchmal haben wir in der “Ostseeperle” in Glowe Eis gegessen. Die Camper auf dem Zeltplatz haben wir belächelt, wir hatten es schließlich viel besser. Viel gemütlicher, individueller, privater und wilder.

Erstaunlich wie oft auf den wenigen Bildern – Schwarz-Weiß-Filme, selbst entwickelt – Zäune und Stacheldraht zu sehen ist. 

Bis Anfang der 1990er war das unser Abenteuerspielplatz, dann wurde die Welt größer, es gab viel zu entdecken. 1995 oder 1996 war ich noch einmal auf einer Radtour dort. Der Nachwendekater hatte voll zugeschlagen. Die Bauwagen waren teilweise schon weg, der Turm von Vandalismus gezeichnet. Türen hingen in den Angeln, Hakenkreuze waren an die Reste der Bungalows geschmiert. Der Grenzturm war so demoliert, dass wir uns nicht einmal rein trauten. Dabei war es das, was wir die ganze Zeit eigentlich immer wollten, das große Geheimnis lüften, wie die Welt von diesem verbotenen Turm aus eigentlich aussieht, wie das funktioniert mit dem Suchscheinwerfer und dem Alarm. Damals konnte man noch bedenkenlos auf Rügen wild zelten und eigentlich wollte ich genau dort noch einmal übernachten. Wir sind dann aber lieber noch ein paar Kilometer weiter gefahren, weil wir nicht irgendwelchen Dorfnazis bei einem nächtlichem Saufgelage begegnen wollten.

Mittlerweile ist von dem Ferienquartier nichts mehr übrig, die Natur holt sich ihr Land zurück. „So entschwindet die Vergangenheit in der Unschärfe“, sagte mein Papa, als wir in alten Online-Karten oder bei Google-Maps in der Historie nach dem Ort oder den Überresten suchten.

Und selbst das allwissende Internet findet weder zu unserem „Objekt” noch zu dem seltsamen Grenzturm irgendetwas. Aber immer wenn ich über das Kopfsteinpflaster in Sagard Richtung Wittow fahre, kommen die Erinnerungen wieder. Und der Name “Glowe” hat in unserer Familie auch nach den vielen Jahren und dem heutigen, relativ banalen Ostseeort so gar nicht entsprechend, einen sehr abenteuerlichen, vertrauten und fast heimatlichen Klang.

Und meine Abneigung gegen Hotels und Ferienparks ist genauso wie die Vorliebe für Ferienwohnungen und Urlaube möglichst ohne die geringsten Anzeichen von Massentourismus wahrscheinlich genau hier entstanden.


Nordstrand, Rügen

Das erste Mal Ostsee dieses Jahr. Das muss wieder häufiger werden.


Kühlungsborn

Ostsee geht immer. Selbst in den Herbstferien. (Wer kam eigentlich auf die Idee, Ende Oktober/Anfang November zwei Wochen Schulferien zu verordnen? Da ist hier schlechtes Wetter und in den klassischen Urlaubsländern im Süden auch nicht mehr so warm, dass es sich lohnt, die beschwerliche Anreise auf sich zu nehmen.)

Kühlungsborn, dieses Mal, klassisches Seebad, mit Kurtaxe und großen Häusern (vgl. Bungalowbebaute Ostseeorte und komplette Ferienappartement-Orte ohne Kurtaxe).

Wenn man das Meer kurz nicht hört, denke ich manchmal für Momente, ich bin in den Alpen gelandet. Noch einmal abbiegen und dann kommt die Seilbahn und oben auf dem Berg scheint die Sonne und es gibt Kaiserschmarrn zum Mittag. Ach hübsch, diese verzierten Ferienhäuschen. Hamse gut gemacht. Sah bestimmt schon früher im Wallis schon so aus.

Ja, ich weiß, das ist die klassische Bäderarchitektur. Um mein Fremdeln zu beschreiben, muss ich etwas ausholen. Ich bin ja mit der Ostsee groß geworden. An einem Sandstrand drei Kilometer nördlich von Glowe auf Rügen haben wir in meiner Kindheit in den 1980ern gefühlt jedes Jahr eine Woche verbracht. Natürlich nie in den Sommerferien, das war ein Urlaubsquartier der Akademie der Wissenschaften und irgendwie fielen immer nur Plätze im Mai oder Oktober ab. Da standen ein paar Bungalows, ein paar Bauwagen und ein ausgedienter Messturm im Dünenwald am Strand. Direkt daneben ein Grenzturm (Was wollte man dort eigentlich bewachen? Von der Küste der Schabe ging es eigentlich nur sehr, sehr weit auf das Meer und nach Schweden braucht schon die Fähre von Sassnitz mindestens 4 Stunden.) Sehr Lo-Fi, sehr schön. Für mich bestanden Ferienanlagen also aus eilig hingeklatschten Provisorien. Nach der Wende kam ich dann das erste Mal in Kontakt mit den mondänen Kurorten, hauptsächlich auf Usedom.

In Bansin verbrachte ich wunderbare Tage. Irgendein Familienmitglied einer Freundin hatte eine Wohnung in einer Strandvilla, mit Blick aufs Meer, natürlich unsaniert und so abgefuckt, wie noch einige Häuser (siehe Foto) in Kühlungsborn (und bspw. der Rest von Heiligendamm, der nicht das Grand Hotel ist) Aber das ist mit 18 natürlich total egal: Wir sind um 2 Uhr nachmittags aufgestanden und haben durch den Wintergarten auf das Meer geschaut. Ich habe mit einem Walkman am Strand Bundesligakonferenz gehört. Wir sind nachts auf die Seebrücke geschlappt und haben den Mond beobachtet. Ich habe gegen Marita im Schach trotz Damenvorgabe verloren und mit Antje auch in Bansin im Bungalow ihrer Familie, der den DDR-Ferienobjekten in Glowe ähnelt und es wahrscheinlich immer noch tut, aus heutiger Sicht vollkommen inakzeptable Neunziger Jahre Crossover Musik gehört. Und die Violent Femmes.

Es gab schon damals Tourismus, im Sommer war es knallevoll. Aber es hatte in einer Zeit, wo in Potsdam schon langsam alles auf Hochglanz poliert wurde, noch einen sehr morbiden Charme. Nach der, nennen wir es internationalen Phase, wurde die Ostsee dann, gerade mit Kind wieder attraktiv als Urlaubsziel. Die Luft, die Atmosphäre, das Wasser und überhaupt fast alles, ist immer noch so großartig, wie als Kind oder als Teenager. Nur, jetzt ist alles schick, die örtlichen Eisdielen haben auch Eis und stellen keine kaputten Softeismaschinen aus. Die Ferienwohnungen haben netterweise Geschirrspüler und manchmal eine Fußbodenheizung. Man ist in unter drei Stunden mit dem Auto da und gondelt nicht 8 Stunden mit dem Wochenendticket und diversen Regionalexpressen ans Ziel.

Für mich als Standardfamilienurlauber alles eine unglaubliche Erleichterung. (Wetter schlecht? Ab mit Kind in die Therme.) Und trotzdem werde ich das leichte Fremdeln wohl nicht los, wenn sich die Ostseeorte zu voll professionellen Ressorts verwandeln. Gerade, wenn dann das spannendste Gebäude das langsam dahingammelnde Baltic Café/die Baltic Bar ist. Was ungefähr tausendmal mehr Geschichte ausstrahlt, als all die “Residenzen” (See/Strand/Ostsee/Meerblick/Möwe), die ich so gerne in einem Kurzurlaub bewohne. (Was wohl mit dem rechten Turm passiert ist?)

Aber so lange das Meer gleich bleibt, kommen wir wohl immer wieder.


Prora // Sonntag


Sonnenaufgang


Prora // Samstag


Morgens


Heiligendamm

Immer noch nicht viel passiert


Hallo? Ostsee


Blick vom Leuchtturm

20130926-191848.jpg


Klettern

20130924-174603.jpg

20130924-174626.jpg


Warnemünde

20130924-130558.jpg

20130924-130608.jpg


Zingst. Yeah!

20130706-195037.jpg

20130706-195053.jpg


Gewitterluft

20130703-172833.jpg

Schön, die Ostsee bei schwül-warmen Wetter. Eine merkwürdige, ruhige Athmosphäre (solange bis die 8. Klasse einer Großstadtschule aus einem Bus an den Strand geworfen wird.)


Anbuddeln

20130701-163013.jpg

Rechts im Bild: Das erste Eis aus der Luft- und Weltraumforschung des Urlaubs.


Hallo Ostsee

20130630-175336.jpg

Mit Sonne aber sehr windig.