#NoPogida s01e02

Das Laientheater Groß Glienicke führte soeben den zweiten Teil der Co-Produktion von Netflix und dem Brandenburger Innenministerium #NoPogida vor meiner Haustür auf. Solange die Eindrücke noch frisch sind, hier meine Kurzkritik:

Die Idee der Serie ist einfach. Man nehme einen Haufen Irrer, setze sie irgendwo aus, lasse sie rumschreien und warte wie die durch Laienschauspieler dargestellten normalen Menschen darauf reagieren. Das ganze inszeniert in einer düsteren, winterlichen Provinzstadt mit einem Haufen real wirkender Special-Effects und massiven Einsatz von Statisten, fertig. Soweit so bekannt. Im ersten Teil (“Potsdam ist verloren“) schemenhaft angerissen, kristallisierten sich in der zweiten Folge (“Die Stadt rennt“) die Protagonisten klarer heraus.

Der irre wirkende Rädelsführer Christian M. wird erstmals richtig in den Mittelpunkt gerückt. Fein gespielt durch Christian Müller, raffiniert mit dem Hertha(?)-Schal als Gadget. Ich bin gespannt, wie dieses Accessoire in den folgenden Teilen eingesetzt wird.

Der knuffige Oberbürgermeister mit buntem Schal (ohne Verein), der Farbe bekennt und noch mindestens 10 Gegendemonstrationen organisieren möchte.

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Der sympathische Zausel, der mit Handy durch die Stadt irrlichtert, sich filmt und bei Minus 5 Grad so friert, dass er nicht sprechen kann, es aber trotzdem tut. Achtung SpoilerAlert. Er wird sich als stellvertretender Chefredakteur einer Lokalpostille herausstellen. Vielleicht im Krieg gegen die anderen Lokaljournalisten, die schon den ganzen Tag von “Ausnahmezustand”, “Kampf”, “WaWes” und aufgeheizter Stimmung sprachen.

Die vielen noch namenlosen Polizisten mit Nummern: Wer wird eine größere Rolle in den nächsten Folgen spielen? A2100 oder doch A2102?

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Zwischendurch gab’s rasante Action. Durch die Medienanstalt Berlin-Brandenburg wurde Equipment aus anderen Bundesländern organisiert und in der Stadt hin und her bewegt sowie der Einsatz erwogen. Der Zuschauer nahm, wie schon im ersten Teil, die ungewohnte Perspektive aus der Mitte der Stadt ein. Der Blick aus dem Fenster, der immer nur ein Teil des Geschehens preisgibt, nie wertet.  Ansonsten musste er sich durch die im Screen integrierten Social-Media-Elemente und Newsstreams seine Meinung selbst bilden. Gerade durch diese begrenzte Perspektive kamen die unvermittelt einbrechenden “Protestationen” (O-Ton K1) mit rennenden Menschen, viel Licht, dezenter Sounduntermalung durch Polizeihelikopter gut zur Geltung. Auf Dauer verlangt dieses Konzept aber auch eine ganze Menge Konzentration und Aufmerksamkeit. Nebenbei weggucken und Binge-Watching zur Entspannung geht mit diesem Format nicht.

Gefallen hat mir die Optik. Das Schwarz der Polizei, das Schwarz der Demonstranten kontrastierte sehr gut mit dem Weiß des Schnees und dem Blau der Sirenen. Auch gut, die liebevollen Details: Handgemalte Plakate, sympathische Nebenrollen wie die drei 16-Jährigen: “Wo sind denn die Nazis? Was die wenigen da hinten? Was sind denn das für Pussys!”), vereinzelte, gut choreographierte Gesänge und Polizisten, die persönlich mit Demonstranten bekannt waren. Das hat Potential.

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Nicht überzeugt bin ich, dass die Hauptrolle des Christian M. über mehrere Folgen trägt. Zu eindimensional scheint mir diese konzipiert. Solche zentralen Charaktere brauchen doch etwas mehr, nicht nur rhetorischer Raffinesse. Dass man ihm schon in der zweiten Folge einen Haufen drolliger Hooligans von Hertha BSC und dem BFC Dynamo (vielleicht wird dort da demnächst eine Seitenhandlung, die in der DDR spielt, aufgemacht) zur Seite stellen musste um die Spannung zu halten, spricht nicht für den Drehbuchautor.

Auch wenn das der Realität entspricht, dass in einer Kleinstadt um 10 Uhr abends die Bürgersteige hochgeklappt werden und das dementsprechend detailgenau abgebildet wurde, im Fernsehen möchte ich das eigentlich nicht sehen. Und bei allem Einsatz der zahlreichen Laiendarsteller auf Seiten der Gegendemonstranten und meiner Sympathie für dieses Engagement, man merkte einigen doch an, dass sie eigentlich sinnvolleres zu tun hätten. Aber wenn das Fernsehen ruft, muss man sich einbringen und einen Flop der Produktion, der zwangsläufig auf die ganze Stadt zurückfallen würde, verhindern. (Nicht auszudenken, wenn plötzlich nur noch Christian M. monologisierend durch die Serie rennen würde und keine Gegenstimmen kämen)

Notgedrungen werde ich wahrscheinlich auch noch einmal in Episode3 nächsten Mittwoch reinschauen. Ich würde die Serie aber auch nicht vermissen, meinetwegen kann man das nach der dritten Folge absetzen. Es ist ein bisschen teuer (Über den bekloppten Namen müssen wir nicht sprechen, oder? Man sollte das demnächst nicht übersetzen und den Originaltitel so lassen.) und das Geld sollte man lieber in ein ordentliches Remake von “Der Schatz im Silbersee” einsetzen.

2 Kommentare

  1. Ing

    Du bezahlst doch garnichts, jetzt!
    Am besten waren die vielen Fotografen, die untewegs waren, die die um halb sechs noch entspannt rumstehenden Polizisten aufnehemn wollten – in möglichst dramatischem Gegenlicht, aus der Hocke Perspektive nach oben gerichtet …

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