Hail to the Rechenzentrum

tldr: Das Rechenzentrum ist so gut, wenn es das nicht gebe, müsste man es erfinden. Und man sollte es nicht aus Dummheit kaputt machen.

Dieses Jahr feiert Potsdam das 1025-jährige Jubiläum seiner ersten urkundlichen Erwähnung. Begonnen wurden die “Feierlichkeiten” mit der Veranstaltung “Potsdam unterwegs im Licht” zu der Fassaden angestrahlt und eine Open-Air Galerie an einem Bauzaun eröffnet wurde. (Wow!) Wir durften mit “Im Modus” zu diesem Anlass im Rechenzentrum spielen. (“Da wird es also ein bisschen fetziger” – dazu später mehr)

Foto: Kristina Tschesch

Potsdam ist ja ganz hübsch und ein Haufen Menschen ziehen hier her, weil es so viele schöne Seen und Villen gibt. Aber eigentlich ist hier ja nichts: Kaum Industrie, wenig Wirtschaft. Die Uni hat jetzt auch keinen Weltruf. Deswegen wird in der Stadt (und im ganzen Land Brandenburg) permanent irgendetwas mit viel Geld gefördert.

Das Rechenzentrum ist jetzt kein klassisches Beispiel von “Wirtschaftsförderung”. Das Ding wurde ja “erstritten” und riecht so links-grün-versifft nach Selbstverwaltung (Igitt). Dabei ist es wahrscheinlich der größte Erfolg des scheidenden Bürgermeisters in diesem Bereich – ohne dass der das so richtig merkt und dementsprechend handelt.

Exkurs: Neulich flog mir eine Ausschreibung des “MediaTech Hub Potsdam” zu. Das soll “both a physical place and a network of companies, startups, investors, institutions, universities and research facilities.” sein. Und sie wollen da “innovations and applications for the entertainment and smart industries of tomorrow” developen. In fancy Business-Englisch, mit Stock-Fotos von der Glienicker Brücke (häh?) und gefördert – natürlich – von der Stadt und diversen von anderen staatlichen Stellen geförderten Institutionen. Dort läuft gerade ein Wettbewerb. Man kann seine Geschäftsidee einreichen und von einer namhaften (aber nicht näher benannten) Jury begutachten lassen. Wenn man “gewinnt”, bekommt man  …

Mietzuschuss von 100% der Bruttokaltmiete für einen Zeitraum von bis zu 21 Monaten für Büroräume in der Medienstadt Potsdam-Babelsberg. Ihr zahlt noch 7,80 € pro qm der angemieteten Bürofläche (inklusive Strom, Wasser, Heizung, Telefon/Internet und Gemeinschaftsfläche – z.B. Meetingraum).

So sieht Förderung in Brandenburg normalerweise aus (Wenn die Kohle nicht gleich direkt in Luftschiffhallen, Chipfabriken oder Rennstrecken versenkt wird.) Ein sinnloser Wettbewerb. Und wenn man gewinnt, darf man knapp 8 Euro Nebenkosten pro Quadratmeter in der Medienstadt Babelsberg bezahlen (Ich laufe da fast jeden Tag dran vorbei. Der Kasten ist nichtmal hübsch. Man kommt mit dem ÖPNV scheiße hin und die Ecke hat jetzt auch nicht unbedingt urbanes kreatives Flair.)

Zurück zum Rechenzentrum. Ja, das Ding riecht nach DDR, das Ganze hat einen morbiden Charme, es bröckelt hier und da. Aber deswegen kosten die Räume auch 7 Euro (Brutto/Warm) pro Quadratmeter. Und sind mit 250 Kreativen gut gefüllt. Sind da ein Haufen Spinner drin? Wahrscheinlich. Werden alle damit irgendwann Geld verdienen und brav Steuern für die Stadtkasse zahlen? Weiß man nicht. (Auch wenn die Zahlen nach zwei Jahren sehr Controller-freundlich aussehen und wirtschaftliche Sinnhaftigkeit hierzulande wahrlich keine Fördervorraussetzung ist.)

Foto: Kristina Tschesch

Und außerdem sieht das Ding auch noch lebendig und gut aus – von Innen und von Außen. (Natürlich nicht nur, wenn wir da spielen.)

Eigentlich könnten sich nun alle freuen, in den Armen liegen, das als Musterbeispiel für alles Mögliche sehen und sich bauchkraulend den Erfolg auf die eigene Fahne schreiben. Kostet fast nix, funktioniert super, alle zufrieden. Aber weil das Ding halb auf dem Gelände des Garnisonkirchen-Wiederaufbaus steht, ist es ein Politikum. Die Lokalpolitik ist mittlerweile so weit, dass sie begriffen hat, dass sich hier nicht irgendwo Erich Honecker versteckt hält und heimlich den Abriss des neuen Stadtschlosses plant. Die Zukunft – derzeit ist die Nutzung bis Herbst 2018 befristet – soll jetzt in einem Workshop geklärt werden. Nun gut.

Man kann den entscheidungsbefugten Stellen nur wünschen, dass sie begreifen, was für ein “Schatz” hier verhandelt wird. Und wie leicht man das alles kaputt machen kann. Förderung – gerade von “kreativen” Dingen – funktioniert halt nicht mit StartUp-Wettbewerben oder Stock-Fotos sondern mit “Raum”. Und wenn man den (noch) hat und es dann auch noch so funktioniert, sollte man das ganze mit Samthandschuhen anfassen und möglichst lieb zu dem Projekt sein. Nie im Leben würde eine Umsiedlung in einen historischen Neubau funktionieren. (Wie derzeit mit der Variante Kreativzentrum im “Langen Stall” diskutiert.)

Klar, kann man da kreative Gewerke ansiedeln. Und vielleicht hat man auch Glück und das funktioniert. Aber mal ehrlich: Das ist wie das genormte Trafo-Häuschen an der Endhaltestelle Wildpark/West, das du dem hochbegabten Sprayer, der gerne 8-stöckige Hochhäuser bemalt, hinstellst und sagst: Hier, mach Kunst! (Ja, das Bild ist ein bisschen schief, weil 8-stöckige Hochhäuser bemalen wahrscheinlich immer noch Sachbeschädigung ist. Ich bin mir allerdings sicher, dass viel zu viele alleine die Existenz des Rechenzentrums quasi als Sachbeschädigung der neuen Potsdamer Mitte empfinden. Und nicht das kleinste bisschen Spannung aushalten … Und dann passt der Vergleich wieder.)

Schon allein solche Dekorationen, wie jetzt zu “Potsdam unterwegs im Licht” wären schlicht undenkbar. (Und die sind als Bonus auch noch länger sichtbar, als nur für die vier Stunden an einem Abend, für die die teuren Riesenbeamer und PopUpBühnen für die offiziellen Veranstaltungen gemietet wurden.)

Es gibt nämlich einen Preis für die vielfach gewünschte preußische Modelleisenbahnplatte. Ja, die ist aus einer bestimmten Perspektive hübsch. Ja, viele seltsame Bauten wurden aus ästhetischer Sicht vielleicht zu Recht abgerissen. Aber wenn Du die Stadt in Pastell anmalst und mit schlecht sitzenden Kostümen von vor 200 Jahren verkleidest, kriegst Du halt auch nur Pastell und Flötenmusik und keinen Rock’n’Roll, der die vielfach gewünschte “Innovation” und den “Standort nach vorne bringt”.

Es ist paradox. Das Rechenzentrum beweist, was man mit der alten FH hätte machen können. Einem “Raum” (und Menschen) die Möglichkeit geben, etwas zu entwickeln. Etwas, was man sonst mit viel Geld anderswo versucht, mühsam zu fördern.

Naja, es war ein schöner Abend, genau dort. Und es wäre schön, wenn das Ding noch eine Weile erhalten bleibt. Und nicht zwischen den Mahlsteinen von mutloser Lokalpolitik, Stiftungen und den Wünschen einer lokalen Prominenz, die sich als Elite begreift, aber letztendlich nur als provinzielles Kleinbürgertum, was keine Reibung aushält, agiert, kaputt gemacht wird.

Damit es hier – in rbb-Sprache – ein bisschen fetziger bleibt und noch bis in die Nacht geht. (Was der rbb so als Nacht versteht. Wir haben uns an dem Tag gefragt, wann wir das letzte Mal so früh gespielt haben und was wir mit dem angebrochenen Abend danach noch anstellen.)

Disclaimer: Ich habe mit dem Rechenzentrum nichts zu tun, bin nicht in dem Verein FÜR e.V. und dort kein Mieter. Wir haben da halt jetzt zweimal gespielt und das Haus ein wenig kennengelernt. 


Garnisonkirche is a bitch

Am 29. Oktober gab es den offiziellen Baustart für den Wiederaufbau des Turms der Garnisonkirche. Mit Festgottesdienst, Ehrengästen, Gottes bzw. Günters Segen und allem Schnick und Schnack. Und laut PNN.de ungefähr 75 Gegendemonstranten, Buttersäure und Trillerpfeifen.

Neben der allgemeinen Debatte über die Sinnhaftigkeit des Wiederaufbaus der – wohlwollend formuliert – mit einer zweifelhaften Geschichte behafteten Soldatenkirche gibt es mittlerweile noch eine andere Konfliktlinie. Neben der geplanten Kirche steht das “Rechenzentrum“, ein altes DDR-Gebäude, was sich die Künstler der Stadt als Kreativhaus erstritten haben und was mittlerweile als Erfolgsmodell gilt. Die Nutzung ist derzeit bis August 2018 befristet. Das Ding steht auf dem Baufeld der Kirche und müsste spätestens bei dem mehr als vagen Wiederaufbau des Kirchenschiffs endgültig abgerissen werden. Es gibt einen breiten politischen Konsens, die Nutzung auf jeden Fall bis 2023 zu verlängern, die Stadt stellte dafür bereits eine halbe Million bereit, die die Mehrkosten beim Bau decken soll.

Baufeld Garnisonkirche und Rechenzentrum noch ohne Künstler im Juli 2013

Soweit, so gut oder schlecht. Nach dem “Stören” des Fests eskaliert die Situation in typisch Potsdamer Manier. Nach diesem Artikel vom 6.11.17 bin ich noch mehr als vorher geneigt, all die Reden vom Versöhnungszentrum für Blödsinn und die Beteiligten auf Seiten der Stiftung für kleingeistige Vollpfosten zu halten. Außerdem macht mich das stinkwütend.

Zusammengefasst: Die Stiftung Garnisonkirche ist aufgrund der Störungen beleidigt. Und möchte jetzt nicht mehr über eine Verlängerung des Vertrags über die Nutzung des Rechenzentrums reden. Sie ist in dieser Machtposition, weil ein Teil des Rechenzentrums auf dem Gelände der Stiftung steht. (Dieses Gelände bekamen die Wiederaufbauer übrigens von der Stadt geschenkt, so viel zum Thema “komplett privat finanziert und organisiert”)

Im Detail:

“Unter derartigen Vorzeichen über Verlängerungen von bestehenden Vertragsverhältnissen nachdenken zu sollen, ist eine falsche Erwartungshaltung“, sagte der Kommunikationsvorstand der Stiftung Garnisonkirche, Wieland Eschenburg. „Unsere ausgestreckte Hand der Versöhnung wurde weggebrüllt.“

Wieland Eschenburg ist ein gewiefter Rhetoriker, das liest sich so weg, klingt in sich schlüssig, ist aber bei genauem Hinsehen eine niederträchtige Frechheit. Erstens setzt er hier die Leute, die ihn störten mit dem kompletten Kreativhaus gleich. Kollektivstrafe ftw. Dann spricht er von “Erwartungshaltung”, was offenbart, dass es sich hier mitnichten um eine versöhnende Nachbarschaft sondern um ein psychologisch bitte zu untersuchendes Selbstverständnis vom mächtigen Kirchenpapi und dem quengeligen Kind, was “Bitte, bitte” rufen muss und abends pünktlich das Licht ausmachen soll, handelt. Der Satz “Unsere ausgestreckte Hand der Versöhnung wurde weggebrüllt” macht mich fassungslos. Da das als wörtliches Zitat gekennzeichnet ist, gehe ich davon aus, dass das genauso gesagt wurde. Und es bedeutet nichts anderes, als dass diese “Versöhnung” von der immer alle sprechen, kein im Wortsinne “Beilegen und Vereinen” ist. Vielmehr möchte scheinbar Herr Eschenburg bestimmen, wer sich hier mit wem unter welchen Bedingungen “versöhnt”. Brillant. Mit dieser Rhetorik kannste auch die christlichen Kreuzzüge oder sämtlichen Fundamentalismus dieser Welt als “Versöhnungszentrum” verkaufen. (“Wir wollten uns ja mit diesen Ungläubigen versöhnen, aber die haben uns einfach niedergebrüllt und nicht zugehört, da mussten wir …”)

Ein weiteres Detail: Die Stiftung hatte den Zutritt zum Gelände während des Gottesdienstes nicht reglementiert, dann aber nach Störungen die Polizei gerufen und Platzverweise ausgesprochen. Natürlich kann ich das niemanden nachweisen, aber das Ganze riecht schon etwas fischig. Gegen das Argument “wir sind offen für alle” kann ich nicht viel sagen, aber wie gesagt, das ist das umstrittenste Wiederaufbauprojekt des Landes. Da erst alle reinzulassen und danach zu rufen “Die haben uns gestört” sieht auch ein wenig so aus, als ob man das bewusst einkalkuliert hat um danach mit diesem Spin die Debatte in die gewünschte Richtung zu lenken. Ermittelt wird jetzt wegen “Störung der Religionsausübung” und “Hausfriedensbruch”, weil man Altbischof Huber “Schande” und “Heuchler” entgegengerufen hat und Trillerpfeifen benutzt wurden. Meines Wissens wurde noch niemand verurteilt, aber halten wir uns nicht mit solchen Nebensächlichkeiten auf.

Das was mich ob der Perfidität aber wirklich wütend macht ist folgendes Detail.

„Gepfiffen und gebrüllt wurde während des gesamten Gottesdienstes auch lautstark aus den Fenstern des Rechenzentrums“, so Eschenburg. Besonders stößt ihm auf, dass die Kulturmanagerin des Rechenzentrums, Anja Engel, beim Gottesdienst anwesend war und nichts gegen das Geschrei unternommen habe. „Die Vorfälle machen eine schlichte Rückkehr zu einem von gegenseitiger Achtung geprägten nachbarschaftlichen Verhältnis so einfach nicht möglich“, so Eschenburg.

Eschenburg zieht eine hochpolitische Debatte auf die persönliche Ebene. “Die Anja war auch da und hat nix gesagt, als die Sarah so laut geschrieen hat, sodass ich den Finn gar nicht mehr verstanden habe und deswegen dürfen jetzt alle Freunde von der Anja nie wieder auf meinem Spielplatz spielen sonst hole ich den Günter !!!11!”. Anja Engel ist Kulturmanagerin des Rechenzentrums, angestellt bei der Stiftung SPI, die das Haus betreibt. Das ist eine Koordinatorenstelle. Vielleicht ist Herr Eschenburg das ja aus Partei- oder Kirchenarbeit anders gewohnt, aber man hat bei so einer Stelle weder Weisungsbefugnis noch ist es die Aufgabe irgendwelche Leute auf Linie zu bringen. Sowas ging damals in der FDJ oder SED (halt, das waren ja die Doofen, die die Kirche erst gesprengt haben) heute aber nicht mehr. Und eine Person und ihr Handeln in einer bestimmten Situation für eine bestimmte Entwicklung verantwortlich zu machen, ist eine so dermaßene Arschlochnummer, dass sich mir da die Faust in der Tasche ballt.

Auch dass sich der Sprecherrat des Rechenzentrums von den Stinkbomben distanziert hat, war Eschenburg nicht genug.

In der Stiftung wird diese Distanzierung als halbherzig betrachtet. Die Vertreter des Rechenzentrums müssten sich mehr bewegen, bevor man wieder über die Zukunft miteinander sprechen könne, hieß es.

Alles in allem sieht die ganze Nummer aus, wie niederträchtig und feige durchkalkuliert (oder zumindest dankbar angenommen): Haltet ein Stöckchen hin, irgendein Krawallo wird schon rüberspringen und irgendetwas “Böses” tun. Dann schreien wir Aua und sagen “So geht das nicht, so können wir nicht miteinander reden”. (Im Ernst, wir reden über ein bisschen Buttersäure, Pöbeleien und Trillerpfeifen. Manche, wie die “Initiative Mitteschön” sprechen da zwar von kriegsähnlichen Zuständen, aber die waren auch lange nicht mehr raus aus der Berliner Vorstadt. Da ist jede Ringbahnfahrt schlimmer.)

Das kann man machen, ist halt scheiße. Auch wenn man vielleicht damit durchkommt. Ich hoffe aber sehr, dass “Karma is a bitch” in diesem Fall auch gilt. Und wenn die Lokalpolitik diese Kirche nicht stoppt und alle Welt ihnen den Blödsinn vom Versöhnungszentrum glaubt, wünsche ich mir dann eben irgendetwas anderes als Strafe. Irgendetwas schön Skurriles und ein bisschen Buntes. Einen kleinen Drogen-, Sex- oder Schmiergeld-Skandal. Oder Hitlerbildchen bei irgendeinem Stiftungschefchen im Wohnzimmer. Oder einen morastigen Untergrund, sodass das ganze Ding einstürzt. Oder Pfusch am Bau, dass es unnutzbar wird und  telegen vor sich hinrottet. Auf jeden Fall irgendetwas, was man nicht wieder anderen Menschen in die Schuhe schieben kann.

Das wäre meine Bedingung (und scheinbar muss die ja jeder vorher aufstellen bevor er ein Zentrum dafür gründet) für eine Versöhnung mit der Garnisonkirche.

Disclaimer: Ich habe mit dem Rechenzentrum nichts zu tun, bin nicht in dem Verein FÜR e.V. und dort kein Mieter. Wir haben mit unserer Band allerdings sehr vergnügt zur letzten Fête de la musique da gespielt und das Haus ein wenig kennengelernt. 


Die Potsdamer Mitte und die schönen Sonnenuntergänge am Heiligen See

Sommer. Mit relativ viel Regen dieses Jahr, dafür nicht so schwül. Die Stadt ist ein Traum. Jeden Abend ist das Marmorpalais beim Baden im innerstädtischen See anders wunderhübsch illuminiert, auf den Straßen ertönt bei diversen Festen Musik, die Stadt wächst und wird dick und satt. Und weil es sonst scheinbar nichts zu tun gibt, pflegt die lokale Elite beim Espresso aufm Wassergrundstück die eigenen provinziellen Neurosen und First-World-Problems.

Aktueller Aufreger: Die Fachhochschule in der Friedrich-Ebert-Straße, ein DDR-Bau, nachempfunden einem Gebäude von Mies van der Rohe in Iowa. Wird abgerissen. Stattdessen sollen die Grundstücke verkauft und neubebaut werden um das Ensemble am Alten Markt mit alten Neubauten “fertigzustellen”. Es regt sich Protest. Und kurz bevor die letzten Studierenden ausziehen wird die Mensa “besetzt”. Nach nicht einmal 12 Stunden sind die Besetzer wieder draußen. Es folgt ein provinzielles Lustspiel.

Auftritt Oberbürgermeister Jann Jacobs, zugeschaltet von einer Dienstreise in die Potsdamer Partnerstadt Sansibar.

„Wenn es nach mir gegangen wäre, hätten wir die FH schon 2012 abgerissen – denn ich habe so eine Diskussion kommen sehen.“

Bestechende Logik, Herr Oberbürgermeister. Ich finde, das Neue Palais und Schloss Sanssouci sollten schon längst weg sein. Diese ewigen Diskussionen über den Parkeintritt hätten ein Ende.

Seit mehr als zehn Jahren läuft die politische Debatte über die künftige Entwicklung eines lebendigen Stadtquartiers in der Potsdamer Mitte. Die dafür notwendigen Beschlüsse der Stadtverordnetenversammlung wurden dazu mehrfach gefasst. Diese demokratischen Entscheidungen setzen wir um. Im Übrigen ist der neueste Beschluss in diesem Jahr fast einstimmig – auch mit den Stimmen der Linken – gefällt worden.

Ganz ohne Zynismus: Sehr auffällig bei den Reaktionen auf den Gegenwind. Immer wieder wird betont, wie legitimiert durch Parlamente, etc. die Entscheidung für den Abriss ist. Nicht einmal gibt sich irgendjemand die Mühe, noch einmal darzulegen, WARUM es immer noch gut ist, das genau so und nicht anders umzusetzen. Und das ist gelinde gesagt eine Frechheit. (Oder wurde da etwa ein wunder Punkt getroffen?) Ich erwarte vom Oberbürgermeister, dass er (ja, immer wieder) erklärt, warum er immer noch zu der Entscheidung steht und gewillt ist das durchzuziehen. Was für ein kleingeistiges Mimimi. “Wirhabendochdarüberabgestimmt. Niemanddarfdasmehrinfragestellen. Dasistgemein. Muttilasstmichinruhe.

Noch ein Spur forscher, trunken vom Hamburger G20-Eskalationscocktail, pöbelt Saskia Ludwig, CDU Bundestagskandidatin, durchs kalte Buffet.

„In Potsdam dürfen nicht Linksextreme bestimmen, welche Häuser abgerissen werden.“ Die Landesregierung dürfe vor dem „linkem Mob“ nicht kapitulieren.

Tja, was willst du da noch sagen. Die Debattenkultur ist im Arsch. Hauptsache laut mit widerrechtlich aufgetragener Bundeswehruniform ins Mikro hupen. Vielleicht bringt’s ja ein paar Stimmen.

Nicht ganz so militaristisch aber immer noch unfassbar dumm.

„Über die Zukunft des FH-Gebäudes wurde nach einem langjährigen demokratischen Diskussionsprozess entschieden“, erklärte CDU-Kreischef Steeven Bretz. Zur Demokratie gehöre es, Mehrheitsentscheidungen zu akzeptieren, auch wenn sie nicht der eigenen Meinung entsprechen. „Das müssen auch die Linken endlich mal lernen.“

Jetzt mal ehrlich, Steeven: Du hättest auch gerne den Kaiser zurück, oder? Einmal entschieden, immer gültig. Demokratie bedeutet, dass gewählte Volksvertreter die politische Macht ausüben. Zur Demokratie gehört genauso, dass man das jederzeit kritisieren darf. Ich muss hier überhaupt nichts akzeptieren, ich kann wie ein Rumpelstilzchen auf den Boden stampfen. Die Geschichte ist voll davon, dass so etwas die Gesellschaft weiterbringen kann. Und selbst wenn man ein ganz dünnes Fell hat und Recht und Ordnung in Gefahr sieht, weil ein paar Leute nur durch einen Platzverweis der Polizei aus einer Mensa rausgeworfen werden können, steht es Dir nicht zu, Belehrungen über Demokratie zu erteilen (Aus der märkischen Union, gnihihi)

Nun gut: Das Gepoltere fällt halt leider auf fruchtbaren Boden. Ich würde mir ja wünschen, dass die lokale Presse nicht auf diese Phrasendrescherei reinfällt und vielleicht, auch wenn es schwer fällt, diese Geblöke einfach mal nicht druckt oder ins Internet pustet. Aber wenn die Chefredakteurin der PNN, Sabine Schicketanz, ihren eilig verfassten und eiligst wieder korrigierten Kommentar (die Pflastersteine im Gebäude waren halt kein Angriff auf die Staatsmacht und die nächste Weinverkostung beim Italiener sondern Baureste) mit

Demokratie nicht verstanden

überschreibt, wird schon klar, dass von dieser Seite wenig Korrektur oder Kontrolle zu erwarten ist. Ist ja auch anstrengend. Die gemeinschaftliche Empörung ist viel leichter. Und am Abendbrotstisch fallen dann alle Hemmungen und es geht mit dem Kollegen so richtig zur Sache. Und dann schreibt man das auch noch ins Facebook. Selbst wenn das eine private Äußerung wäre, würde ich mich da angeekelt abwenden, aber Thorsten Metzner agiert auf seinem Profil als “arbeitet bei Tagesspiegel/PNN”. Und das ist für einen Journalisten … ach lassen wir das. Liebe PNN, wird so etwas bei Euch eigentlich aufgearbeitet?

Ich konstatiere: Die Stadt, also die gesellschaftliche und politische Elite, geilt sich an der Widerrechtlichkeit des “Besetzungchens” auf. Die interessanten Sachargumente in der Debatte “Gestaltung der Potsdamer Innenstadt” kommen von “Außen”. Von der FAS, von arte.

Ich persönlich bin der Initiative “Potsdamer Mitte neu denken” sehr dankbar, dass sie die Diskussion aus dem langweiligen Lagerdenken (Wenn Du dafür/dagegen bist, willst Du die DDR/Preußen zurück) rausgeholt hat. Obwohl sie trotz knapp 15.000 Unterschriften beim Bürgerbegehren oder diversen konstruktiven Aktionen permanent in die Demokratie-feindliche Ecke gestellt wird.

Vielleicht kommt dann irgendwann auch noch einmal das Potsdamer Dilemma der Stadtentwicklung auf den Tisch. Wäre Hasso Plattner Fan des FH-Gebäudes, würde es stehen bleiben. Ja, es ist ein hehres Ziel, das alles “ohne öffentliche Gelder” (Sternchen: Wenn man von den beträchtlichen Investitionen in die Infrastruktur absieht) zu machen. Aber dann baut Plattner halt das Barberini und Jauch die Plattform der Garnisonkirche und die Stadtentwicklung wird vom teils zweifelhaften Geschmack reicher Menschen abhängig. Die Stadt verliert die Kontrolle und kann sich der Diskussion entziehen. Das sollte Sabine Schicketanz mal in einem Kommentar thematisieren. Oder Thorsten Metzner investigativ untersuchen.

Die heile Potsdamer Sonnenuntergangswelt kann ich auch mit der Handykamera liefern, das schaffe ich nebenberuflich.

Zurück zum Heiligen See.


Casino (Kaputt?)

Solange ich mich erinnern kann, war das Casino ein baufälliger Schuppen auf dem Campus Pappelallee. Dorthin zog nach der Wende und dem Abzug der Sowjetarmee die neugegründete FH Potsdam. Viel gab es damals dort nicht. Zwei Häuser, viel kontaminiertes Gelände, Schrott, ein paar Hallen und eben dieses ehemalige Offizierskasino, was dann erst besetzt und dann als Studentenclub genutzt wurde. 1998 hatten wir dort jugendlich verkopft den ersten Auftritt unserer Kraut-Rock-Band, im morschen Dachgeschoss fanden “Russendiskos” und wodkaselige Abende für uns Nachwuchsboheme statt, das Ding war eine einigermaßen etablierte Konzertlocation im wilden Nachwende-Potsdam.

Irgendwann verlor ich das Casino aus den Augen – der Zahn der Zeit nagte weiter, gefühlt war immer irgendetwas kaputt, gesperrt oder zu. Und so eine komplette studentische Selbstverwaltung hat natürlich auch Nachteile. So gegen 2010 kam dann wieder Leben in den Laden. Auch wenn eigentlich das ganze Gebäude baupolizeilich oder aus Brandschutzgründen gesperrt war. Der ehemalige Konzertraum wurde zur Lagerhalle, zu den Klos durfte man nicht offiziell und wenn dann nur außen um das Haus herum, es durften nur noch Veranstaltungen mit maximal 200 Leuten stattfinden, etc. Trotzdem hielt die Casino AG den Laden lebendig, baute einen Tresen, veranstaltete Konzerte, Partys, usw.

Ringsherum wuchs ein neuer Stadtteil, ein neuer Campus, es entstanden hübsche neue Unigebäude, man konnte auch ganz unversifft in Regelstudienzeit seinen Bachelor machen und immer mal seltsam auf diese einzige verbliebene Ruine glotzen. Soziokulturkino.

Tja, jetzt ist das Ding seit Anfang des Jahres zu und wird saniert. Die letzte Party im “alten” Casino war im Dezember 2015 und wir haben dem Schuppen und den Menschen dort zum Ende ein Liebeslied geschrieben, einen wunderbaren Abend da gehabt und jetzt das Videomaterial mal zusammengeschnitten.

Zwischenzeitlich gibt es das CasinOtopia und das bzw. die Herangehensweise an das Ganze lässt ein bisschen hoffen, dass das Casino das alles “überlebt”. Sanierung kann man ja machen, aber das Risiko, dass währenddessen die Aura wegsaniert wird, ist doch relativ hoch. Den einstmals besten Klub der Stadt, das Waschhaus, hat es durch genau so eine Aktion hinweggerafft und er vegetiert heute künstlerisch bedeutungslos vor sich hin. (Na gut, so langsam rappelt sich der Laden wieder.)

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Ich hoffe sehr stark, dass dem Casino das erspart bleibt.

 


Schopenhauerstraße 27

Jahrelang Spielstätte des Potsdamer Kabaretts, dann Heimstätte diverser Etablissements/Rumsdiskos mit so schillernden Namen wie “Nachtleben”. Ich war dort noch nie drin, obwohl wir ungefähr 15 Jahre lang direkt nebenan geprobt haben. Zuletzt eine “Eventlocation” und jetzt dann wohl endgültig runtergerockt.


Helmholtzgymnasium

Man versucht ja seit einiger Zeit mein altes Gymnasium zu sanieren. Das klappt nur so mittel und deswegen ist das derzeit noch eine schöne Baustelle/Brache. Das bisschen DDT im Dach hat uns auch nix geschadet. Aber sollen sie es ruhig ganz machen, solange die Fassade so bleibt, wie sie ist. (Ob Sylke und Arne noch zusammen sind?)

Hach, die viel zu kleine Schulturnhalle (im Bild rechts). Viel Lebenszeit dort verbracht. Beim 4 gegen 4 Basketball. 


Haus der Jugend

Turnhalle mit Charme. Mal schauen, was damit passiert, wenn die neue Halle nebenan fertig ist.


Melodie und Bäcker Braune


Melodie


S-Bahnhof Babelsberg

Sanierung des S-Bahnhofs. Gerade wird entkernt und die Fahnenmasten, die irgendwann eingebaut wurden, sind richtig gut zu sehen.


Weinbergstraße


Casino Kaputt

   
   


Marlene-Dietrich-Allee

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Die ehemalige Kulissenstraße ist umgezogen. Jetzt kommen hier Townhouses.


Kurfürstenstraße 

  Der legendäre Schotterplatz weicht einer neuen Turnhalle und wahrscheinlich einem neuen Platz


Good Bye Melodie

   
 


Brauhausberg

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FH Potsdam

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Nikolai Gärten Potsdam

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I don’t like it.


Rechenzentrum

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Bekannt durch die Mosaiken, die im DDR-Realismus den Vorbeifahrenden Heldentaten der sowjetischen Raumfahrt verkünden. Auch wenn es da einige inhaltliche Fehler gibt. Steht an der Ecke Dortustrasse/Breite Strasse. Hier droht der Wiederaufbau der Garnisonkirche. Aber da ist das letzte Wort hoffentlich noch nicht gesprochen. (Googlemaps)


Townhousewahnsinn

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Die ehemals schöne Leiblstrasse wird “erschlossen”. (Googlemaps)