Schotter is almost gone

Ich lebe seitdem ich drei Jahre alt bin in dieser Stadt. Ich bin hier aufgewachsen, zur Schule gegangen. Selbst als ich in Berlin studierte, hatte ich meine klassische Studenten-WG nicht in Friedrichshain sondern in Babelsberg. Und mit so einer Stadt ist das ja so, wie mit eigenen Kindern. Die wachsen, verändern sich, aber das “du bist ja so groß geworden“, kommt immer nur von fernen Verwandten, die die lieben Kleinen so selten sehen.

Aus den 80ern habe ich nur wenige Bilder, im Kopf: Russische Kamas-LKWs rumpelten an der Wohnung vorbei, die Tassen klapperten im Schrank, gespielt wurde auf der Straße, in der Mausefalle oder auf der Hexentreppe.

Die 90er waren Gymnasium, Hausbesetzungen, Nachwendezeit. Alles war unglaublich abgefuckt. Komisch, wenn man sich solche Videos heute anschaut, aber das war normal, nicht der heutige Zustand. Die 90er waren auch viel Sport. Viel Gerenne in Hallen, um Seen, auf Plätzen. Schulturnhalle, Seerunde, Schotterplatz. Und zwischendurch bei Freunden im Keller Anstoss 3 spielen.

Langsam änderte sich dann die Stadt. Das Ernst-Thälmann-Stadion verschwand, die Innenstadt wurde saniert. Am Heiligen See wohnten Jauch und Joop und nicht mehr irgendwelche abgebrannten Gestalten. Ohne, dass ich das an einem Ereignis festmachen könnte, änderte sich die Athmosphäre. They call it Gentrifizierung, I think? Aber in Potsdam war das größer, da es immer gleich die Stadt spaltete. Mitteschön? Stadtschloss? Merkur-Hotel? Bus-Bahnhof am Bassinplatz? Neue Schwimmhalle? Minsk? Garnisonkirche? Neugestalten oder auf das preußische Erbe oder DDR-Erbe vertrauen? Jedes Projekt bot die Chance, sich so richtig schön in ideologischen Schützengräben zu verbuddeln. Darüber sprach man und 100 Jahre später tat sich dann auch was, aber alles in provinzieller Langsamkeit, sodass sich mein Gehirn, da ich ja hier wohnte, immer ganz gemächlich darauf einstellen konnte.

Neben den großen Themen wurden quasi unbemerkt die Hinterhöfe mit Townhouses geflutet. Ich habe neulich alte Fotos aus den 1990ern sortiert. Das Gras war jetzt nicht grüner, der Himmel nicht blauer, aber mehr Platz in der Stadt war schon.

Alles egal, es gab eine Konstante: Der legendäre Schotterplatz in der Kurfürstenstraße (früher passenderweise Straße der Jugend). Mit 17 bolzten wir da jedes Wochenende, gegen selbstgegründete Freizeitmannschaften, “alte” Herren (wahrscheinlich Ende 20, wir fanden sie furchtbar alt), türkische Großfamilien in Gala-Trikots. Meistens Kleinfeld, 6 gegen 6. Hin und Her. Hatte es geregnet war in der Mitte eine große Pfütze, die umspielt werden musste. Im Schulsport ging es 4 mal um das Großfeld für die ungenormten 1000 Meter.

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In den 2000ern wurde dann abgetrennt vom großen Platz ein kleines Tartanfeld hingerotzt. Mit ekligen Vollmetall-Toren ohne Netze. Aber hier konnte man auch mal 4 gegen 4 spielen. Jetzt waren wir die alten Herren und mussten mangelnde Athletik mit Erfahrung und Stellungsspiel kompensieren. Irgendwann waren dann keine Gegner mehr da, alles verlagerte sich an andere Ecken, aber bis 2010 waren wir regelmäßig am Wochenende auf Fußballplätzen unterwegs. Und die Kurfürstenstraße war immer eine Option, wenn es irgendwo zu voll oder zu leer war.

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Selbst als wir dann “sportlich” auf Frisbee-Golf umstiegen, die große Schotterfläche, mitten in der Innenstadt war eine Erinnerung und eine Verheißung. Das Industriegebiet ringsherum wurde abgerissen (Townhouses!), die Skaterhalle ebenfalls. Der Schotter und die große Pfütze blieben. Dann und wann jagten Gestalten Bällen nach, langweilten sich ganze Jahrgänge auf dem Platz oder trieben ein bisschen Leichtathletik.

Mittlerweile sind fast alle Potsdamer Brachen erschlossen. Selbst die großen Baustellen (Stadtschloss) fertig. Langsam (für die hier Wohnenden) aber unaufhaltsam hat sich die Stadt verwandelt. Zeit für die Details. Jetzt muss auch der Platz in der Kurfürstenstraße dran glauben.

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Ja, es wird eine neue Halle gebaut. Ja, es werden neue Außenanlagen gebaut. Ja, der Zustand davor war für den Schulsport nicht wirklich tragbar. Schon lange nicht mehr.

Trotzdem: Jetzt wo der Schotter almost gone ist (noch sieht man auf dem obigen Google-Maps-Link den “alten” Zustand, aus nostalgischen Gründen habe ich mir davon mal einen Screenshot gemacht), werde ich doch ein wenig wehmütig. Hoffentlich entwickelt die neue Halle, der neue Komplex eine ähnliche Geschichte und Anziehungskraft auf die Kinder, die den Ort dann gar nicht anders kennen. Dann kann auch die Frage aus dem titelgebenden Doors-Song Where will we be? vielleicht weiter mit AufmPlatzInnerKurfürstenstraße beantwortet werden.

3 Kommentare

  1. sternburg

    Was ich mich als Westberliner seit damals frage: Wie war das eigentlich für den Potsdamer, dass Berlin (Hauptstadt der DDR) so absurd weit weg war? Dass man immer erst mit dem Außenring fahren musste? Hat man sich manchmal mit dem Blick auf den Stadtplan gewünscht, die Zonenaufteilung wäre anders verlaufen?

    Oder war das gar kein Thema? Für uns war ja regelmäßig selbst auf dem Weg ins Eisstadion Wedding Ostberlin im Weg. Oder durch die Geisterbahnhöfe der U8 präsent.

  2. robert

    Das DDR-Berlin war weit weg, aber da ich das nicht anders kannte, war mir das auch egal. Wir hatten schlicht keinen Bezug dazu, da sind wir einmal im Jahr hin wie zur Ostsee. Die DDR war ja auch in Bezirke aufgeteilt, sodass auch alle schulischen oder sportlichen Aktivitäten (Spartakiade) sich eben im Bezirk Potsdam abspielten.

    Die Grenze war präsenter, da sie mitten durch die Stadt ging bzw. für lustige “Sonderzonen” sorgte, in die man nur mit Genehmigung kam, was Mitschüler, die in einer solchen wohnten natürlich massiv zum Angeben nutzten. Als ich dann 89 schnallte, dass nach dieser Riesengrenze aber erst einmal so urbanes Leben wie Wannsee und Zehlendorf kommen …

    Ich habe aber vielleicht eine Sonderperspektive, da ich schon/erst 12 war, als die Mauer fiel. Und mit 12 haste zwar schon ne Menge soziales Leben, aber noch nicht das Bedürfnis nach einer echten Großstadt …

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